Herstellung französischer Uniformen nach originalen Vorbildern aus der Zeit von 1786- 1812 TEIL 1

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Duval90
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Herstellung französischer Uniformen nach originalen Vorbildern aus der Zeit von 1786- 1812 TEIL 1

Beitrag von Duval90 »

ACHTUNG! Ich gebe keine Garantie für Vollständigkeit, Korrektheit und/oder Gelingen. Ich werde dieses Projekt in mehreren Parts unterteilen. Ihr könnt gerne Verbesserungsvorschläge und Kritik anbringen. So kommen wir zu einem schönen Ergebnis. Sollte ich meine technischen Schwierigkeiten mit dem Forum beseitigt haben, folgen noch mehr Bilder an die jeweilige Stelle. Bis dahin :)

Herstellung französischer Uniformen nach originalen Vorbildern aus der Zeit von 1786- 1812

Einleitung

Im Wandel der Zeit veränderten sich die Uniformen nach den Vorbildern der zivilen Kleidungsstücke. Aus dem Dreispitz wurde eine abgeschwächte Form: der Zweispitz, der nach der Mode des 19 Jahrhunderts immer größer Wurde, da es scheinbar mehr Macht demonstrierte. Ende des 18. Und Anfang des 19. Jahrhunderts kam der sogenannte Zylinder in die Mode, welcher einen Runden Deckel aufweist, gerade oder leicht nach innen gebogen den Mann schmückte. Die französische Mode gilt als sehr glamourös und edel. Von weiten Ärmeln, gefächerten Rockschößen mit versteckten Taschen versehen, bis hin zu immer höher werdenden Kragen. Kniebundhosen und Westen in den verschiedensten Farben, Mustern und Ausführungen demonstrierten den Wohlstand einer Person. Denn Kleidung war teuer. Perücken konnten sich nur die Wohlhabenden leisten. Diese kamen Ende des 18 Jahrhunderts außer Mode. Die französische Mode war eng an den Mann geschneidert.
Bedenke! Offiziersuniformen waren meist viel aufwendiger geschneidert!
Im Wandel der Zeit veränderten sich an der französischen Uniform Rockschöße Reverse, Taschen, Kragen, Epauletten, Ärmelaufschläge und Knöpfe.
www.pinterest.co.uk.jpg
https://i.pinimg.com/originals/19/9d/e0 ... 9fa90f.jpg
Hier auf der Abbildung kann man gut die Unterschiede erkennen.

Bevor wir anfangen, möchte ich auf die Kleidung eingehen, die ein Soldat im Wandel der Zeit hatte. Ein Soldat bekam eine Standardausrüstung, welche im Laufe des Krieges immer weniger wurde, da schlichtweg der Nachschub in die weiten Länder nicht gegeben war und auch kaum Geld da war. So wurde, nach und nach am Ende des Krieges mehr zivile Kleidung getragen. Das wichtigste Kleidungsstück eines Soldaten der damaligen Zeit waren seine Schuhe. Diese waren genagelt, zum Schutze der Sohle. Wenn man bedenkt, dass die französischen Soldaten mehrere Hundert Kilometer pro Woche marschierten und nur kurze Pausen einlegen durften, kann man sich vorstellen wie schnell Schuhe abnutzen. Deswegen wurden oft auf Märschen die Schuhe ausgezogen und Barfuß marschiert. Zum Gefecht zog man diese wieder an. Strümpfe waren meist normale, dicke Wollstrümpfe. Ein Soldat besaß Überknielange schwarze Gamaschen (je nach Zeit) aus Tuch bzw. Trikot, eine Kniebundhose aus Trikot, eine Überhose aus Leinen, zwei Hemden, eine Weste im Ärmeln und farbigen Kragen und Ärmelaufschlägen, einen Uniformrock, einen Mantel (ab 1806) eine Halsbinde, eine Lagermütze, Zweispitz oder Tschako (ab 1806). Im Wandel der Zeit verschwanden Zweispitz, Kniebundhosen und überknielange Gamaschen. Die langen Gamaschen wurden durch kurze Gamaschen abgelöst und so war die Kniebundhose überflüssig geworden. Jedoch zog man Lange Gamaschen und Kniebundhose noch zu Paraden an. Der Zweispitz wurde nach und nach aus dem Soldatenleben entfernt, der Nachfolger war der Tschako mit V- Steg an den Seiten und einem Tschakoblech in Rautenform, der in Höhe und Form sich von den späteren Model, mit Schuppenkette anderen Tschakoblech, unterschied.

1. Das richtige Material

Das Material aus dem französische Uniformen bestehen sind: Wolltuch (Lodentuch) in verschieden Farben, Leinen und Serge bestehend aus 100% Naturfasern.
Das richtige Material für historische Kleidung im Allgemeinen zu finden ist in der heutigen Zeit nicht einfach, da viele Stoffe und Garne aus Kunstfasern und Mischgeweben bestehen.
So gestaltet sich die Suche nach einem guten Onlineshop oder örtlichen Stoffhändler mehr als schwierig. Die Suche nach passenden Stoffen bringt oft große Ernüchterung hervor, sodass man schnell aufgeben will. Mit etwas Glück und viel Geduld findet man jedoch Firmen, welche genau diese Stoffe noch herstellen. Eine dieser Fabrik ist die Firma Mehler- Tuchfabrik (https://www.mehler-tuchfabrik.de/) aus Bayern. Moderne Fabriken stellen Stoffe in einer Breite von 150 cm her.

Andere Stoffquellen sind: https://tuchundstoff.de/

Der Verkauf von Stoffen erfolgt in der Regel in „laufenden Metern“. D.h.: Kauft man 1m Stoff erhält man 100 x 150 cm, 2m 200 x 150cm usw. Diese sind in einem Stück von der Rolle geschnitten.

Die Suche nach dem richtigen Leinen ist jedoch um einiges Einfacher. Hierbei nimmt man einfach Ebay, zur Hand und sucht nach sogenannten „Bauernleinen“. Diese werden in den meisten Fällen in Stoffballen verkauft. Da sie meist schon einige Jahre auf dem Buckel haben, sind sie von der Stoffbreite nicht mit den heutigen Stoffen zu vergleichen. Bauernleinen waren in den Anfängen noch per Hand gewebt und später dann mit den ersten Maschinen hergestellt.
Normale Webstühle hatten von daher eine breite von 50- 75 cm. Daher auch der Unterschied in der Breite. Leinen in grober Ausführung sind leider ebenso schwer zu beschaffen. Zumindest hier beim sogenannten Bauernleinen. Von daher ist es auch immer wieder sinnvoll, Stoffhändler Online, vor Ort, auf Märkten oder der gleichen, zu besuchen. Jedoch empfehle ich immer: Fühlen ist Gold, Sehen ist Silber. Der Unterschied bei Bildern im Internet sind oftmals nicht der Realität entsprechend und führen so leider zum Fehlkauf, wenn man keine Stoffproben bestellt hat. Diesen Service sollte jedoch jeder vernünftige Onlinestoffhändler anbieten. Ob dies was kostet, ist jedoch von Händler zu Händler unterschiedlich. Meist aber kostenfrei, bis auf Porto.

Auch ein Thema was nicht zu verachten ist, ist die Wahl des richtigen Fadens. Die Meinungen gehen hier auseinander, ob der Faden gefärbt wurde oder ob naturbelassener Faden benutzt wurde. Für Reenactoren ist das ein großer Punkt. Jedoch musst du dich dafür entscheiden, welchen Weg du einschlagen möchtest. Kunstfaden oder doch Natur?

2. Nähmaschine oder per Hand

Geht man in die Jahre zurück merkt man schnell, dass die Nähmaschine erst im Jahre 1830, die ersten Prototypen gebaut wurden. Davor nähte man per Hand. Historisch gesehen ist die Handarbeit hier am besten, dauert jedoch länger, und man braucht viel Übung. Mit einer Nadel kann man viel kleinere Dinge genauer nähen als mit der modernen Nähmaschine. Da du zwangsläufig eh mit der Hand nähen musst, kannst du dich gleich an den Gedanken anfreunden, etwas mehr mit der Nadel umzugehen. Denn Knopflöcher, Knöpfe annähen, Ziernähte und der gleichen lassen sich mit einer Nähmaschine historisch korrekt nicht nähen. Dies fällt spätestens bei dem näheren Hinsehen einfach auf. Ein kleiner Trost: Uniformen waren Massenproduktionen und mussten schnell gehen. So kam es auch nicht auf die Genauigkeit der gerade genähten Stiche an. Nur Offiziere konnten sich Maßgeschneiderte Uniformen nähen lassen, die viel aufwändiger geschneidert wurden.

3. Das Abmessen

Hierzu benötigst du Papier zum Aufschreiben, einen Stift deiner Wahl, ein Maßband und eine zweite Person. Messe nun Deine Schulterbreite, deinen Halsumfang, deinen Brustumfang, deinen Hüftumfang, die Länge von Kragenanfang bis zum Anfang deines Gesäßes, Die Armlänge (hierbei ist darauf zu achten, dass Du die Schulterkugel mit einberechnest. Dies ist ein markantes Zeichen der Mode im 19 Jahrhundert.), Oberarmumfang, Länge von Schulter zum Ellenbogen und vom Ellenbogen zum Handgelenk.
Schreibe Dir die Maße für das Schnittmuster auf.


4. Das Schnittmuster


Hat man sich nun mit der Beschaffung von Stoffen erfolgreich auseinander gesetzt und wartet nun, dass die bestellte Ware schnell kommen möge, sollte man im Vorherein schon tiefgründig mit dem Schnittmuster auseinander setzen. Sofort passende Schnittmuster zu finden, welche 1 zu 1 auf deinen Körper passen, gibt es schlichtweg nicht. Historisch korrekte Schnittmuster für eine Uniform, sind hier auch leider schwer zu finden, da es viele Menschen gibt, die ihre Schnittmuster zur Verfügung stellen. So breitgefächert sind meistens auch die Maße der werdenden Uniform. Welche Quellen diese nutzen, ist hier immer mit einem großen Fragezeichen verbunden. Hast du nun Dein, für dich geeignetes Schnittmuster gefunden, geht es nun an die Herstellung deines individuellen, für dich angepassten Schnittmusters. Hierbei kommt es also auf
Dein mathematisches Können und Vorstellungsvermögen an. Übertrage die Maße von deinem Schnittmuster auf ein großes Papier und füge die jeweiligen, zuvor abgemessenen Maße an die passende Stelle
ein.

P.S. Ich benutze hierbei normales Papier von einer Rolle mit einer Breite von 1m. Stimmen die Maße von deinem Körper und den „Standard Maßen“ des Schnittmusters überein, kannst du dich nun an das Ausschneiden wagen.

!INFO!

Der Revers: Eine nicht niedergeschriebene Faustregel besagt, dass der Revers von Halsanfang bis zum Ende des Brustbeines und dann die gemessene Länge noch einmal runtergeht. Die sogenannten „Entenfüße“, also die 3 Spritzen des Reverses sind von Schneidern zu Schneidern damals sehr unterschiedlich ausgeprägt gewesen. Die Breite des Reverses ist nach der Zeit immer Breiter geworden und bis zum Bardin Reglement von 1812 bis zur Hüfte geschlossen. Die Farbe der Reverse war von Regiment und Waffengattung verschieden.

Der Kragen: Die Höhe des Kragens ist schwer zu ermitteln. Das Reglement gibt hierbei keine Konkrete Auskunft darüber, wie hoch der Kragen sein soll. Im Museum sieht man die verschiedensten Kragen. Mal schmale mal Hohe. Jedoch ist zur Revolutionszeit der Kragen schmal gehalten, während er in den kommenden Jahren der Evolution der Uniform höher wurde. Auch hier wieder eine Faustregel: Der Kragen soll so hoch sein, das er bis zum Kinn reicht, aber nicht scheuern darf. Es gibt Kragen mit Sichtbaren Nähten, welche einreihig, zweireihig, dreireihig, oder gar ohne Nähte sind. Der Kragen wird an den Rändern mit einer Paspelierung versehen. Meist jedoch mit einer anderen Stofffarbe. Die Kragenfarbe ist auch hier je nach Waffengattung und Regiment unterschiedlich.

Der Rockschoß: Dieser wurde in der Evolution der Uniform immer kleiner und schmaler. Die Länge des Rockschoßes einer Uniform aus dem Jahre 1791 bis 1806 geht in der Regel bis zur Kniekehle. Das Ende des Rockschoßes wurde mit Haken versehen, welche diesen überlappend zusammenhielt. Ab dem Jahre 1806 wurde der Revers am Ende mit den Spitzen zusammengenäht, sodass eine Halterung ohne Haken möglich war Ab 1808 wurde er kleiner, schmaler und ein Umschlag des Rockschoßes gab es nicht mehr. Das Überschlagen des Rockschoßes wurde durch das Andeuten eines umgeschlagen und angenähten Rockschoßes abgelöst. Hierbei wurde der Äußere Stoffanteil weniger und das Innenfutter wurde nach Außen mit dem äußeren Stoff vernäht. Das Innenfutter des Rockschoßes wurde ab 1808 aus Tuch gemacht, welcher sich in den Farben der jeweiligen Waffengattung unterschied. Emblems, wie Granate, Rombe, Horn, Krone, wurde nach Waffengattung und Gruppe angenäht. Der Rockschoß wird an den Seiten des Stoffes mit Paspeln versehen.

Die Taschen: Hierbei unterscheiden wir unter den Innenfuttertaschen und den äußeren Taschen. Eine Uniform besitzt lediglich zwei echte Taschen, welche im Innenfutter, in höhe der Hüfte bis in die Rockschöße geht. Die äußeren, sichtbaren Taschen waren angenäht auf dem Oberstoff angenäht und besaßen nur eine dekorative Aufgabe. Die Taschen wurden bis zum Jahr 1808 in leicht abgeschrägter Position, jedoch recht horizontal, am Becken liegend angebracht. Die Taschen besitzen eine Paspelierung und eine halbmondförmige Oberseite. Ab 1810 wurden die Taschen größer und eine Anbringung wurde Senkrecht vorgesehen. Ab 1812 besaßen die Uniformen wieder die alten Merkmale der Taschen der Vorgängermodelle.
Ärmel: Nach der damaligen Mode ausgehend, fingen die Ärmel bereits an der Schulterkugel an. Oder einfacher, man legt seine Hand auf die Schulter. Diese sollte am Halsanfang liegen. Nun habt ihr die Schulterkugel frei. Dies dient uns als Orientierung. Bei verschiedenen Unformen kann man 3 Falten auf der Schulterkugel finden. Diese dient zur erweiterten Bewegungsfreiheit. Die Ärmel sollen recht eng an den Armen anliegen, aber nicht die Bewegungsfreiheit einschränken. Hierzu wird, wie in den historischen Zeichnungen und originalen Vorbildern, eine angewinkelte Ärmelform benutzt. Einen Winkel von etwa 45°.



Das Zuschneiden des Stoffes

Hat man das fertige Schnittmuster auf den Stoff übertagen, beginnt man mit dem Zuschneiden des Stoffes. Da Du keine Nahtzugabe mit einberechnet hast, musst du hier also mehr Stoff auf Vorrat schneiden. Das hat den Vorteil, dass du im Notfall die Höhe und Breite noch ändern kannst. Weg schneiden kann man immer noch.
Frei nach dem Motto: viel, hilft viel.
Screenshot 2020-03-29 18.28.16.png
Der Stoff liegt doppel lagig

Damit die Markierungen nicht im Sande verlaufen, nähe ich mit einem dickeren Faden die Linien nach.
Hast du nun diese Schritte befolgt, nimmst du die Schneiderpuppe und kannst alle Teile schon einmal grob mit Stecknadeln befestigen. Bist du zufrieden mit der geschafften Arbeit, gehst du nun zu dem ersten Nähen über.







Die Paspelierung
IMG_20200329_175516_1.jpg
Paspeln, welche an den Ecken und Kanten des Stoffes vernäht sind, verzieren den Stoff und verhindert ein Abnutzen der Schnittkanten. Diese werden wie folgt hergestellt:
Um gleichmäßige und dünne Paspeln herstellen zu können, musst du den roten Stoff in 45° Winkel in gleich breit lange Streifen schneiden. Dies ist dann von großer Wichtigkeit, wenn Du um die die Paspelierung um die Ecke nähen musst.







Der Rote Stoff wird auf den Hauptstoff aufgenäht und dann
umgeschlagen. Hierbei darf zwischen Schnittkante und Naht kein großer Zwischenraum sein. Da sonst die Paspelierung zu breit wird. Diesen kannst du noch vorsichtig mit einer Schere zurechtschneiden.
Nun kommen wir wieder zu einem Punkt, wo du dich entscheiden musst, ob die Paspelierung mit sichtbaren Nähten oder mit „versteckten“ Nähten, versehen willst. Denn beides hat es geben. Bedenke, dass überall wo Paspelierungen sind, auch solche Nähte sind. Ich entschied mich für „versteckte“ Nähte, da diese besser aussehen und schneller zu nähen sind. Bei den „versteckten“ Nähten, nähst du unten im normalen Stich, kommst jedoch oben nur kurz raus und recht eng wieder rein. Dann lässt du unten wieder etwas Platz und nähst weiter.
Zuletzt geändert von Duval90 am Di Apr 21, 2020 7:52 pm, insgesamt 3-mal geändert.

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