Westfälische Militär unter Napoleon

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Tiziateur
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Westfälische Militär unter Napoleon

Beitrag von Tiziateur »

Ich habe vor längerer Zeit mal eine Anfrage über viele Ecken bekommen von jemanden dessen Vorfahr im 2. westfälischen Linienregiment gedient hat.
Sein Vorfahr ist in Spanien verstorben. Es wurde gefragt ob man mehr über das Regiment in Erfahrung bringen könnte.
Somit war mein Ehrgeiz geweckt und ich bat mir Zeit aus und begann mit den Nachforschungen.
Hier Teil 1 dazu die Organisation des Westfälischen Heeres als Bundesgenossen unter Napoleon.

Das zweite westphälische Linienregiment 1808 – 1813


Quellensammlung von
Günter Franke
vom Februar bis September 2009


Das Westphälische Militär

Als 1807 von Napoleons Hand, das Königreich Westfalen geschaffen wurde, und sein Bruder Jerome Bonaparte zum König gemacht wurde, sollte auch hier ein eigenständiges Herr unter französichem Oberbefehl entstehen. Jerome bekam vom Volksmund schon bald den Namen König Lustig. Er war auch nicht unbeliebt bei seinem Volk, die relativ kurze Amtszeit von 7 Jahren brachte seinen Untertanen einige Verbesserungen. Es wurden das metrische Maß, der Code Zivil, Hausnummern eine Volksverwaltung und rechtliche Gleichheit eingeführt. Aber auch das stellen von Soldaten wurde zur Bürgerpflicht. Diese ständigen Aushebungen und auch die finanziellen Belastungen führen auch im Jahre 1809 und 1813 zu Umbruchsversuchen. Diese sollen aber nicht unser Thema sein und selbige werden hier auch nicht näher erläutert.
Es galt nun eine Armee zu formen, nach französichem Vorbild. Hierzu wurde das frz. Drillmanual ins deutsche übersetzt. Die Befehlen wurden in deutsch gegeben, der Bewegungsablauf der Instruktionen entsprach exakt dem französichem. Auch wurden Manuelle für Heerlager, den Dienst im Felde und für Sonstiges aus den französichem Manual eingeführt. Um die Rekruten auf diesen neuen Drill einzustellen wurden viele franz. Unteroffiziere, auch Offiziere aus alten Linienregimentern zur neuen westphälischen Armee als Ausbildungspersonal versetzt. Viele Soldaten der neuen Armee kamen aus der alten kurhessischen Armee und als Rekruten aus den neuen Departements.
Durch ein Dekret vom 02.04.1808 wurden in dieser neuen Armee die Stockstrafe abgeschafft. Der Sold der neuen Armee war höher als der in der alten kurhessischen Armee, auch höher als der in der preußischen. Es gab zweimal täglich warmes Essen und 1808 wurde eine Invalidenkasse eingeführt. Für die Offiziere wurde ein eigener Orden eingeführt, der Orden der Westphälischen Krone. Eingeführt wurde der Orden 1810 vom König persönlich. 1809 führte er bereits für Unteroffiziere und Manschaften eine Belohnung in Silber ein, die einige tausend male verliehen wurde.
Der Erfolg in der Armee war sehr unterschiedlich. Zudem musste die neuen Armee auch sogleich eine Division der gerade ausgebildeten Soldaten nach Spanien schicken. Ein Kriegsschauplatz, weit weg von der Heimat, mit dem man direkt doch nichts zu tun hatte und man ja nur auf dem Befehl des Kaisers hinzog. Im allgemeinen war der Wert des westphälischen Militärs nicht sehr hoch. 1808 war wie schon genannt eine Division nach Spanien gegangen, 1809 kämpfte die 1. westphälische Linie bei Dodendorf gegen die Husaren des aufständischen Majors von Schill, das Gefecht endete in einem Patt und Schill zog sich in Richtung Ostseeküste zurück. Dann nach dem verlorenen Feldzug der Österreicher von 1809 zog sich der Herzog von Braunschweig Oels mit seinem schwarzen Korps von Böhmen bis an die Nordseeküste, da er die Kapitulation der Österreicher nicht teilen wollte. Bei dem Zug kam es zu Gefechten mit dem 5 westphälischen Linienregiment bei Halberstadt, die den Ort selber verteidigten und durch die Braunschweiger besiegt wurden und mit dem 6 westphälischen Linienregiment, welches durch die Braunschweiger geworfen wurde. Der Braunschweigsche Herzog verweilte nur kurz in seiner ehemaligen Residenz und musste dort abziehen, da starke franz. Kräfte auf ihn zumarschierten. Bei Bremen gelang es ihm und seinem Korps sich auf englische Schiffe zu begeben und und nach England zu entkommen. Nach kurzer Ausbildungszeit dort wurde das Korps nach Spanien verschifft um auf der Seite Englands gegen Napoleon zu kämpfen. Im Kampf gegen den schwarzen Herzog, lief laut den Augenzeugen Thimme der größte Teil des 6. westphälischen Linienregimentes auseinander. Die Armee war auch sehr stark von Desertion betroffen. Allein im Weserdepartement, zu dem neben Osnabrück auch die Distrikte Minden und Bielefeld gehörten waren 1808 1580, 1809 698 und 1810 688 Deserteure zu verzeichnen. 1813 liefen die westphälischen Truppen teils scharenweise zu den Preußen und Österreichern über.
1812 zogen die Westphalen aber mit Napoleon nach Russland und kehrten von dort als geschlagene, ausgezehrte, Armee zurück. Viele Soldaten blieben in Rußland. 1813 versuchte man aus den in Westphalen verbliebenen Regimentern und durch erneute Aushebungen eine neuen Armee aufzustellen. Es wurde sogar noch ein 9. Linienregiment aufgestellt, welches jedoch nur ein einziges Gefecht hatte, am 27.08.1813 bei Lubnitz. Hier verlor es 5 verwundete Offiziere darunter auch Oberst Lindern und Chef de Bat. Kwiatowski, mit ca. 100 Mann. Wie es sich mit der Moral der westphälischen Soldaten 1813 hielt, kann man sich ausmalen. Als Napoleon dann bei Leipzig geschlagen wurde kam es zu weiteren Aufständen in Westphalen. Im August 1813 gingen in Schlesien mehrere Truppenteile zu den Österreichern über. Den russischen Kräften unter Chernischeff gelang es sogar Ende September 1813 Kassel zu besetzen. Hier unterzeichneten sogar einige westphälische Offiziere ein Schriftstück, in dem Sie erklärten nicht mehr gegen die Verbündeten zu kämpfen. Anfang Oktober gelang es dem westphälischen General Allix die Russen aus Kassel wider zu vertreiben. Dennoch, als Napoleon sich nach Frankreich zurückzog, löste sich das westphälische Militär Ende 1813 komplett auf. Einge wenige Soldaten werden weiter auf der französichen Seite gekämpft haben. Die Masse ist übergelaufen, bzw. nach Hause gegangen. 1814 sind auch sicherlich viele altgediente Soldaten zur neugegründeten westphälischen Landwehr gegangen und zogen noch im Frühjahr1814 mit nach Frankreich, ohne jedoch noch an großen Kämpfen teilzunehmen. 1815 waren die Landwehr-
regimenter noch an den Kämpfen von Ligny, Wavre und Waterloo beteiligt, wo Napoleon endgültig geschlagen wurde.


Die königlich westphälische Armee 1808

Die königlich westphälsche Kriegsmacht besteht aus folgenden Truppen:

1. GARDEN
Bataillone Kompanien Eskadrone Mann

Gardes du Korps - - ½ 154
Grenadiers 1 6 - 1500
Jäger 1 6 - 654
Jäger Karabiniers 1 6 - 434
Chevaux leger Lanciers - - 4 674
Reitende Artillerie - - ½ 78

2. LINIENREGIMENTER

Jedes Regiment besteht aus drei Bataillons; die beiden ersten sind 6 Kompanien (Feldbataillone Anmerkung Verfasser) und das dritte 4 Kompanien ( Deportbattailon ohne Grenadiere und Voltigeure Anmerkung Verfasser) stark. Die Kavallerie Regimenter bestehen durchgängig aus 4 Eskadrons.
Zusammen 8 Linienregimenter mit 24 Bataillonen, 144 Kompanien und 20400 Mann.


1 Leichtes Regiment 3 18 - 2550
2 Kürassierregimenter - - 8 1625
1 Regiment Chevaux legers - - 4 814
2 Regimenter Husaren - - 8 1628
1 Regiment Artillerie 2 8 - 1464
Train 1 134
1 Bataillon in Spanien 1 6 - 600
Vetranenkompagnien - 7 - 648
Departementalkompagnien - 8 - 500
Königlicher Gensdarmes - - 4 288
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Totalsumme 33 210 29 34148 Mann

Die Armee wird von 4 Divisions- und 10 Brigadegenerals komandiert.
Zur Erleichterung der Militärgeschäfte ist das ganz Land in 4 Militärdivisionen abgetheilt. Die erste begreift das Fulda- und Werradepartement, Hauptort Cassel; die zweite das Ocekr- und Harzdepartement, Hauptort Braunschweig; das dritte das Saal und Elbedepartement, Hauptort Magdeburg; das vierte das Leine- und Allerdepartement, Hauptort Hanover.
Die sämtliche Militärdirektion steht unter dem Kriegsministerio, welches folgende Abteilungen hat:
das Generalsekretariat, das Bureau der Militärschule, das Bureau der Militärpensionen, das Bureau des Generalstabes, die Direktion der Musterungsinspektion, die Montierungskommission, das Sanitätskollegium und die Invalidenkasse.
Das Generalstabsbureau zerfällt in folgende Unterabtheilungen

1. Division des Personals

1.tes Bureau Anstellungen und Beförderungen, Truppenbewegungen
2.tes - - Organisation und Dienst aller Koprs (mit Ausnahme der Artillerie und des Geniewesens), Korrespondenz über die Militäroperationen.
3.tes - - Artillerie und Geniewesen.
4.tes - - Alle Eingaben die Unteroffiziere und Gemeine betreffend.

II. Divison des Materialbedarfs

1.tes Bureau Das Rechnungswesen.
2.tes - - Verpflegung der Truppen.
3.tes - - Anschaffung der Requisiten in den Militärgebäuden.
4.tes - - Bekleidung, Ausrüstung und Bequartierung der Truppen.

III. Division der Konskription und Militärpolizei

1.tes Bureau Aushebung der Konskribirten, und Rekrutirung der Armee überhaupt.
2.tes - - Stellvertretungen und Dienstbefreiungen nach der Stellung.
3.tes - - Die bürgerlichen und peinlichen Rechtsfälle.
4.tes - - Allgemeines Rechnungswesen der General- Einnehmer in Konskriptionsgeschäften.
5.tes - - Der bürgerliche und militärische Personenstand.


Die königlich westphälische Armee 1812

Anfang 1812 hatte die Armee des Königreichs Westphalen folgende Stärke:

An Infanterie
3 Gardebataillone
8 Linienregimentern
3 leichte Bataillone (Jäger)
und ein Battaillon noch in Spanien
Insgesamt 25 Feldbataillone mit etwa 21.000 Mann

An Kavallerie
½ Eskadron Garde du Koprs (Leibgarde des Königs)
1 Regiment Garde Chevauxleger
2 Regimenter Kürassiere
2 Regimenter Husaren
1 Regiment Chevauxleger in Spanien
Insgesamt 25 Eskadronen mit 4000 Pferden

An Artillerie
1 Regiment mit etwa 1500 Mann
Bis auf die in Spanien eingesetzten Truppen 1812, nahmen viele westphälische Regimenter gem. der unten aufgeführten Orde de Batille am Rußlandfeldzug teil. Ca. 2000 von ihnen kehrten nur zurück. Alle Regimenter wurden 1813 wieder neu aufgestellt, so dass Anfang Juni 1813 wider ca. 20.000 Mann Infanterie, 2800 Pferde an Kavallerie und 26 bespannte Geschütze mit Mannschaften gezählt werden konnten. (nach Thimme). In den sechs Jahren ihres Bestehens gehörten insgesamt ca. 60.000 Mann der Armee an. Von diesen ca. 60.000 Mann fanden ca. 38.000 Mann den Tod außerhalb ihres Königreiches.

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