Fragmente die sich in der deutschen Sprache manifestierten aus "der Franzosenzeit"

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Fragmente die sich in der deutschen Sprache manifestierten aus "der Franzosenzeit"

Beitrag von Tiziateur »

Hallo,

heute hat ja das englische unheimlichen Einfuß auf die deutsche Sprache. In 200 Jahren weiß man womöglich nicht mehr woher einige Begriffe und Formulierungen stammten, weil einige Begriffe aus dem englischen so verändert wurden, oder es sie gar nicht gibt (wie zB Handy im englischen immer noch mobile Phone) .
Vor 200 Jahren war französisch die Weltsprache und während der Besatzungszeit der sogenannten "Franzosenzeit" hatten viele Begriffe Einzug in die deutsche Sprache, deren Erklärung heute auch teilweise nicht im Duden zu finden sind. Auch je nach Region wurden viele Begriffe "eingedeutscht" Ich mache hier mal eine Liste dazu, welche ich kenne. Ich würde mich freuen, wenn diese Liste von weiteren Lesern erweitert wird.
Hier schon mal die Begriffe und Begebenheiten von mir, mit Kurzerklärungen:

Bon bon: Die Franzosen haben in ihren Pfannen oder den Garmelen (große Töpfe, einer pro Sektion) wenn Sie die Möglichkeit hatten Zucker erhitzt und dann aus der Melasse Kugeln geformt um diese Energiespeicher auf dem Marsch lutschen zu können, was ja langanhaltender ist als purer Zucker. Kindern in Deuschland haben sie diese Kugeln auch angeboten mit der Bemerkung: "Bon, bon!" für Gut, Gut! Die Kinder liebten natürlich diese Leckerrei und es sprach sich schnell herum, der Bonbon war geboren

Fisematenten: Das ist, wenn die französischen Soldaten ein Zeltlager aufbauten (meist nur in der frühen Revolutionszeit und Napoleonik) und Sie sahen schöne Frauen, kam der Ausspruch, "Ah Madmoiselle voulez vous visite ma Tente?" also Ah Fräulein wollen Sie mein Zelt besuchen? Obwohl in der Napoleonik französich die Weltsprache war, sprach das normale Volk kein französisch. Die deutschen Eltern machten dann daraus die Warnung: "Macht keine Fise ma tenten!" Bei den späteren Feldzügen so ab 1805 ging man bei den Franzosen dazu über meistens keine Zelte mehr im Feldzug mitzunehmen, weil selbige den Marsch zu langsam machten. Mann übernachtete unter freienm Himmel (Biwak) oder es wurden einqurtierungen gemacht.

Auf dem Kieviev sein oder gewieft sein: Das wird mehr im Norddeutschen Raum verwendet und beschreibt jemanden, der vorsichtig, oder umsichtig ist, als aufpasst und überlegt wie er handelt. Die Erklärung ist, wenn ein Franzose auf Wache war und es näherte sich jemand, so war der Wachposten angehalten folgende Ausrufe zu tätigen: "Halte! Oui vive? Quel regiment?" Halt! Wer kommt? Welches Regiment? Die Antwort darauf musste die Nennung der Nation und des Regimentes sein, dann wurde zur weiteren Identifizierung der Wachhabende dazugezogen. Aus dem Qui vive wurde dann die oben beschriebene Bezeichnung Kieviev oder gewieft.

Plörre: Das ist die ins deutsche übernommene Bezeichnung des sehr wässrig schmeckenden dünnen Soldatenkaffe der ausgegeben wurde (wenn es selbigen überhaupt gab) Bei den Soldaten als Cafe Plorre bezeichnet.

4711: Wenn man sich mal genauer mit dem "echt kölnisch Wasser" beschäftigt, so wird man sehen das es dort ein Bild gibt, wo ein Husar zu sehen ist, welcher die Zahl 4711 auf eine Tür schreibt. Der Sinn dazu ist folgender: Wenn eine französische Einheit auf dem Marsch war und keine Zelte mit sich führte, so wurden Einquartierungen angewiesen. Das heißt es wurde eine Anzahl Soldaten dem betreffenden Haus zugewiesen, welche dort während Ihres Aufenthaltes verpfelegt werden sollten. Die Hausbesitzer bekamen dafür sogenannte Wechsel, womit Sie später beim Magistrat Ihre Kosten geltend machen konnten. Inwieweit hier dann Zahlungsausgleiche gemacht wurden sei mal dahin gestellt! Damit nun auch die betreffenden Soldaten wussten, wohin sie in dem Ort sollten wurde vom Regiment ein Billet ausgegeben mit der auf dem Haus markierten, meist mit Kreide aufgeschrieben Nummer. Der Zufall wollte nun das das Haus mit der Einquartierungsnummer 4711 eine Apotheke war. Diese Apotheke beschäftigte sich sehr viel mit Duftwässerchen. Das blieb den französischen Soldaten nicht verborgen und sprach sich sehr schnell herum. Konnte man doch so seiner geliebten ein Duftwässerchen mitbringen oder zusenden. So begann "echt kölnisch Wasser" seine Berühmtheit.
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Pêcheur
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Re: Fragmente die sich in der deutschen Sprache manifestierten aus "der Franzosenzeit"

Beitrag von Pêcheur »

Danke für diesen Beitrag! Das ist insgesamt eine sehr interessante Thematik, wie ich finde. Viele Begriffe kennt man, aber man weiß die Herkunft nicht. Für mich waren auch einige, der von Dir geschriebenen Zusammenhänge neu (4711 zum Beispiel). Hier gibt es sicher noch viel, was ergänzt werden kann und ich bin gespannt, was sich noch zusammentragen lässt.
Mit fällt in diesem Zusammenhang der Begriff "fischelant" ein, der zumindest in unseren Breiten geläufig ist. Er umschreibt eine pfiffige, kluge Person. Ursprung ist ebenfalls französischer Natur und zwar liegt das Wort "vigilant" = lebhaft, geschäftig zu Grunde.
Tiziateur
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Re: Fragmente die sich in der deutschen Sprache manifestierten aus "der Franzosenzeit"

Beitrag von Tiziateur »

Prima, danke dafür, ich hoffe es finden sich noch mehr Begriffe dazu.
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